Samstag, 18. Oktober 2008

Sehr geehrte Damen und Herren, Ihr seid der HAMMER!

Nein, eigentlich habe ich nichts Spannendes zu erzählen, aber das, was ich gerade erlebt habe, ist einfach zu schön um es ganz für mich zu behalten. Also, ihr seid herzlich eingeladen...

Ich war gerade in der Hamburger Laeizhalle zur „Galanacht der deutschen Tenöre“. 3 Stunden Sing-Sang. Drei “ junge Tenöre“ und vier, na ja, ältere Tenöre. Die "jungen Tenöre" waren allerdings nicht wirklich jung. Und bissl dick. Egal, ich schweife ab…Ich werde nun versuchen die positiven Aspekte möglichst eindrücklich darzustellen:

Die Laeiszhalle ist schön.


Alles andere lässt sich einzig als ein wildes Potpourri aus Kuriositäten, grandiosen Stimmen und gefährlich hohem Fremdschämfaktor beschreiben. Ein bisschen wie Loriot zu seinen besten Zeiten. Chapeau.

Es war von Beginn an offensichtlich, dass meine Kollegin Beate und ich den Altersdurchschnitt auf gutgemeinte 78 Jahre drückten – wir gehörten demnach nicht ganz zur anvisierten Zielgruppe. Aber die sieben trällernden und knödelnden Pinguine auf der Bühne, ja, DIE kannten Ihr Publikum! Da war für alle was dabei. 7-stimmiger Chor (der zugegebenermaßen beeindruckend mächtig und doch differenziert hörbar war), da waren spiegelglatt gegelte Schwiegersohnfrisuren, da waren neckische Augenzwinkerer zu den Schnitten in der ersten Reihe, da waren dramatische Handbewegungen die körperliche Schmerzen beim Tonartwechsel vermuten ließen und Zwischenmoderationen, die einem Hansi Hinterseer durchaus hätten Konkurrenz machen können: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, Ihr seid der HAMMER!“ schwärmte Charme-Barde Björn Casapietra in das voll aufgedrehte Mikrofon – und der weibliche Publikumsanteil (geschätze 97,3 %) sank augenblicklich seufzend in die purpurnen Plüschsessel. Oh, und es gab viel zu lachen, auch nicht nur ungewolltes. So kam ich in den Genuss des guten alten „Kunst kommt von Können und nicht von Wollen, sonst würde es ja Wunst heißen“-Witzes, der minutenlang für schallendes Gelächter sorgte.

Besonders schön war auch, dass alles von 3 rotierenden Diskokugeln untermalt wurde, angestrahlt von den klassischen Mitgliedern des Farbenkreises: Pink, Türkis und Lila. Insofern sehr passend, als dass sich dieses farbenfrohe Miteinander in der Kleidung der einen oder anderen betagten Dame wiederfinden ließ. (Horst, wo ist denn das blaue Sakko? Ja, genau, dass mit den rosa Karos…)

Begleitet wurden die Sängerknaben von dem Wiener Damenorchester „Rondo Vienna“. Klingt harmlos, aber OBACHT – der Eindruck täuscht. Bärbel und ihre Bratschen oder liebevoll auch „göttliche Geigerinnen“ genannt, hatten es faustdick hinter den vom Kolophonium möglicherweise verstopften Ohren. Ganz im Stil der „Kelly Family“ wurde in kleinen Zwischenspielen gefidelt was der Bogen hergab. Aber das war noch lang nicht alles: Es gab ja noch 2 E-Gitarren, Schlagzeug, Martin am Klavier (äh, hallo FRAUENOrchester? Ist wohl keinem aufgefallen) und die gute E-Panflöte!!! Solistin Bärbel hatte zu allem Überfluss noch den Minirock als Bühnenoutfit gewählt, welcher bei ihren wilden Geig-/Tanznummern kurzzeitig dem donnernden Popsound (hier wurde „Maniac“ und „Eloise“ recht eigenartig interpretiert und als „We will Rock you – das Queen Musical – Verschnitt vorgetragen. Gruselig. Sonst nichts.)den Rang abzulaufen drohte.

Seinesgleichen suchte allerdings die Musikauswahl der (ob nun jungen oder alten) Tenöre. Es war sicherlich vorhersehbar, dass auch hier eine Ausrichtung auf die Schunkelfreudigkeit des Publikums stattfinden würde. Ich gestehe, trotz dieser weisen Voraussicht, nicht minder geschockt gewesen zu sein. Die einzig erkennbare Konstante im Programm war der Gebrauch von hahnebüchenen deutschen Texten für zeitgenössische ausländische Popmusik (Bei Nachfrage füge ich hier gerne hinzu: Ja, man kann jeden modernen Popsong auch von einem Tenor singen lassen, klingt halt nur ziemlich mistig). Ich konnte mir längst nicht alles merken, aber einiges ist doch hängengeblieben. Den Anfang meiner Hitparade macht der berühmte Boyzone-Titel „Egal, was andre sagen, egal was auch geschieht…“, gefolgt von Johannes „Whitney Houston“ Kalpers mit „Es wird maa-hain großer Taaag“ (Ja, richtig: One moment in Time). Mein persönlicher Favorit war allerdings der im Finale zweisprachig vorgetragene Titel „Amazing Grace“, der in der deutschen Version folgende Lebensweisheit an die begeisterte Zuschauerschaft weitergab: „Ei-hein schöööö-ne-he-her Taaaaaag voll Haaar-mooo-niiiieee, i-hist wiiiieee ei-hein Eeeeee-del-steeeeiin“. Kinder, ich sags euch, viel gelernt heut nacht!

Um es an dieser Stelle etwas abzukürzen, im fulminanten Finale (nach 3 Stunden!) wurden wir mit Kassenschlagern wie La Traviata, Nessun Dorma (ohne den werbewirksamen Paul Potts) und eben Amazing Grace verabschiedet. Massen von wippenden Fönfrisuren, ach, und das allseits beliebte Rhythmusklatschen, meist mit flatternden Ellenbogen, dazu die liebevoll verpackten Gastgeschenke, die dem jeweiligen Favoriten atemlos vor Bewunderung auf die noch warme Bühne gereicht wurden, und schlussendlich die vielen vielen Kommentare wie „Ach ist das jetzt aber schade, is schon vorbei?!“ und „Na, das Geld hat sich aber wieder mal richtig gelohnt“, haben diesen Abend auf andere Weise unterhaltsam gemacht als vielleicht zunächst erwartet. Ich liebe Musik, aber vielleicht muss ich deswegen nicht alle Unterarten davon gleichermaßen genießen. Ich habe mich einfach gefreut von so vielen freundlichen fröhlichen Menschen umgeben zu sein, die offensichtlich alle einen famosen Abend hatten. Den hatte ich merkwürdigerweise auch. Ende gut, alles gut.

Bonne nuit

Ella


Sonntag, 5. Oktober 2008

Schietwetter

Besonders schön finde ich die "Liebe auf den zweiten Blick". Die Liebe, die nicht so offensichtlich, von der Faszination des Moments der ersten Begegnung abgelenkt, erst bei genauerem Hinsehen zum Vorschein kommt. Die "Liebe auf den ersten Blick" kann nämlich manchmal beim zweiten nur noch die Sehnsucht nach dem berauschenden ersten Moment sein, der nach Abklang der Euphorie fad schmeckt. Wer den ersten Eindruck aber unbeschadet überstanden hat, kann sich die Ruhe und die Zeit gönnen abzuwarten, wirken zu lassen und allen Eindrücken - ob nun erster, zweiter oder jeder folgende - die Chance geben, ihre ganz eigene Faszination zu entfalten...

Wer jetzt erwartet, ich hätte die Liebe meines Lebens, womöglich noch in Form eines Mannes gefunden, der irrt. Die beinahe lächerlich dramatische Einleitung deutet auf einen gewichtigen Inhalt hin. Aber auch hier sei der geneigte Leser gewarnt. Meine Hymne gilt einem profanen Vergnügen - dem verregneten hamburger Sonntagvormittag bei einem großen Milchkaffee.

Mein Ausflug gestern nach Sylt war nett. Aber eben nur "nett". Nichts Nachhaltiges. Ich hätte gerne von den wenig überladenen Ecken der Insel berichtet (ja, es soll tatsächlich noch solche geben), Friesenhäuser, Reetdächer, Dünengras, opulente Blumengärten, alte Türen, verwitterte Gesichter... Stattdessen gab es Westerland, Surf World-Cup, Strandkörbe, Windstärke 5, ein neuer BREE-Rucksack (3 Jahre Entscheidungsfindung haben gereicht), frisch gegrillter Fisch, Regen-Sonne-Regen-Regen und - um es diplomatisch auszudrücken - unterschiedliche Lebenseinstellungen. Auch das klingt tatsächlich nicht schlecht, aber nicht schlecht ist doch auch nur ein miserabler Begriff für "durchschnittlich". Es blieb nicht viel hängen, ausser vielleicht der Entscheidung ein anderes Mal wieder zu kommen. Vielleicht alleine. mit mehr Zeit.

(zum vergrößern einfach auf die Fotos klicken)



Mit das Einzige, was sich von der Reise in den heutigen Sonntag gerettet hat, war der elende hanseatische Dauerregen. Schon morgens beim Aufwachen trommelte er ungeduldig an mein Fenster. Der anschließende Blick durch die mühsam geöffneten Augen in die Küche verstärkte die verregnete Stimmung: Espresso ja - Milch leider nein, Belag ja - Brot leider nein, Müsli ja - Joghurt... na ja, es ließ sich jedenfalls ein deutlicher Trend erkennen.

Merkwürdigerweise ließ sich meine unbändig gute Laune auch von diesen eher mittelprächtigen Aussichten nicht in Melancholie verwandeln. Woher die gute Laune kommt? Ach ja, hier ist nun der Moment, an dem ich beiläufig einfließen lasse, dass ich meine erste eigene Veranstaltung - den "Hamburger Director's Cut" - mit Bravour (keine Selbstbeweihräucherung) gemeistert habe.
1 Luxushotel in Hamburg, 5 Filmregisseure, 1 Moderator, 488 prominente Gäste, 1 Bühne, 250 Liter Champagner, 1 Projektleitung = ich. Klingt aufregend und das war es auch. Bis auf ein paar Randkatastrophen ist alles glatt gegangen. Danke Judith, Du kleines Energiebündel.




Aufbau

meine Regisseure




Merci!

Seither, seit Freitag früh die Anspannung abgefallen ist, kann mir absolut gar nichts mehr "die Grütze verhageln". Laune her-vor-ra-gend!

Jetzt schließt sich auch mein sorgsam aufgebauter Spannungsbogen. Frühstückslos und fröhlich entschied ich mich das nächstliegende Café aufzusuchen. Bei einem meiner Erkundungsspaziergänge, da noch im herbstlichen Sonnenschein, hatte ich das "la caffetteria" entdeckt (Abendrothsweg 54, 20251 Hamburg). Hierher zog es mich jetzt unter meiner pelzummantelten Eskimokapuze. Und genau in dem Moment, in dem ich eintrat, erlebte ich die besagte "Liebe auf den zweiten Blick". Aus dem monotonen Regen der einsamen Straße stolperte ich tropfend in das hochwandige, großfensterige Einraumcafé: Geschäftiges Treiben, laut, sehr laut, voll. Holzfarbene Tische, dunkle, gepolsterte Holzstühle, Dielenboden. Kein Platz für mich, meine graue Wollmütze und meinen neuen (es ist mir durchaus bewusst, dass ich diesen bereits erwähnt hatte. Ich wollts nur so gerne noch mal sagen.) Rucksack. Ich war kurz davor wieder umzukehren. Doch bevor ich mich entschließen konnte, bekam ich von den in simplen weißen Shirts gekleideten Kellnern einen Milchkaffee in einer großen Tasse serviert - einen fabelhaften Milchkaffee, I might add...







Je länger ich jetzt hier setze, desto seliger bin ich, dem ersten Impuls des Umkehrens widerstanden zu haben. Die Geräuschkulisse ist beinahe wie diese perfekt passende Filmmusik - keine Tonfolge könnte die Situation besser untermauern, besser beschreiben. Wortlos. Mein Kaffee, mein Frühstück, mein Buch und meine graue Wollmütze fühlen sich hier bestens aufgehoben. Es könnte sicherlich auch das Tomasa sein, oder das Feuerbach, oder eine andere szenige Berlin-Lokalität, aber das ist sie eben einfach nicht. Das ist Hamburg. Mit Hamburger Menschen - ob man diese nun mag oder nicht. Ich bin in Hamburg. Ich weiß nicht, wie sich das alles entwickeln wird, aber ich werde alles mitnehmen, was ich aufsaugen kann. Jeden Tag, jede Straße, jedes Wetter wenn es sein muss. Und wenn ich kurz Pause machen muss, dann gehe ich vielleicht ja ins "la caffetteria", bestelle das Frühstück "von allem etwas" mit dem großen Milchkaffee und genieße meine Liebe auf den zweiten Blick - Hamburg.

Bonne nuit

Ella